Pisseuses
Pissen ist für eine Frau nicht einfach. Auch für den Fotografen, der die Frau fotografiert, nicht. Wo den Rahmen setzen? Claude Fauville setzt einen engen Rahmen. Sehr trocken angesichts der Feuchtigkeit.
Claude Fauville ist kein Dokumentar des Urins. Er ist ein dichterischer Betrachter. Er bietet seinen Modellen den Augenblick, in dem sie sich in einer ungewöhnlichen und vor ihm nicht gezeigten Weiblichkeit gehen lassen können. Er öffnet uns die Darstellung eines verbotenen Wassers, das für ihn der Quelle entspringt.
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Pressekommentare
Beeindruckende Schwarzweißfotografien über ein außergewöhnliches Thema. (SELEN, Italien)
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Noch nie vorher wurden Frauen beim Urinieren so kunstvoll fotografiert und in einem wunderschönen Buch veröffentlicht. (WET SET, Australien)
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Claude Fauville hat es in diesem Buch geschafft, bar jeder Peinlichkeit zu bleiben. Seine Bilder zeigen die Schönheit einer natürlichen Angelegenheit, das Besondere eines Urinstrahls, machen aus einer profanen Verrichtung eine Inszenierung, einen selbstbewußten Akt des Sich-Öffnens, Sich-Ergießens. (SCHLAGZEILEN, Deutschland)
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Freunde der feuchten Erotik werden den Bildband zu goutieren wissen. (TWILIGHT, Deutschland)
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Vorwort des Buches
Strahl und Rückstrahl
Das gezeigte Geschlecht ist trocken.
†blicherweise trocken.
Die Wäsche und die Glätte
Doch muß es zum Sehen dargeboten sein. Lange war es verborgen durch wohlmeinende und willkommene Drapierung, Bewegungen schamhafter Körper, eher Rück- als Frontansichten, passendes Blattwerk, mitfühlenden Händen, ohne das sehr katholische Feigenblatt zu vergessen. Adam und Eva haben das Paradies splitternackt verlassen, aber seit Beginn der Zeitrechnung blieb "der Ursprung der Welt" im Schatten des Unzeigbaren. Als man es schüchtern wagte, die Schleier zu lüften und Tücher und Stoffe zu entfernen, zeigte sich der Körper der Frauen weiß wie eine Kerze, glatt wie der von Zelluloidpuppen, die man vor noch nicht allzu langer Zeit Kindern schenkte, und die man "Badende" nannte. Kaum eine Andeutung von Geschlecht und vor allem keine Behaarung. Mähne und Schamhaare, das waren die neuen Feinde der bildnerischen guten Sitten eines prüden 19. Jahrhunderts. Angesichts dieser viktorianischen †bereinkunft, die die Maler lähmte - danke, Herr Courbet, sie so skandalträchtig übertreten zu haben - erlaubten sich die Fotografen, Verfechter einer neuen Kunst, sehr schnell alle Freiheiten. Mit Blick auf die akademische Schule der Glätte boten sie die Wahrhaftigkeit des wirklichen Körpers, und in den Jahren 1850-70 arbeiteten die Künstler - und nicht die geringsten, handelt es sich doch um Nadar, Marey, d'Olivier usw...- mit ihren Modellen und zeigten keine entkleideten Damen, idealisiert und haarlos, sondern bis aufs Schamhaar nackte Frauen.
Die Geschichte des Wassers und die Geschichte der "O"
Wenn seit diesen heroischen Zeiten viel Wasser unter den Brücken des Erlaubten und des Verbotenen geflossen ist, so blieben diese Wasser doch, in ihrer Definition, eher symbolisch oder abstrakt. Und dennoch war "das Weibliche" in allen Mythologien mit diesem Element verbunden. Aphrodite und Venus entstiegen den Wellen. Das Leben selbst wird aus mütterlicher Flüssigkeit geboren und Wasser ist eines der Symbolbilder der weiblichen Sinnlichkeit. Wieviele Darstellungen der "Quelle" hat man nicht gesehen, wo eine hübsche und mehr oder weniger entkleidete Person die Flut ihres langen Schopfes ebenso fließen ließ wie die eines lauen Wassers, das einem nachlässig geneigten Gefäß entströmte. Und alle diese Wasserträgerinnen, Najaden, Undinen und Sirenen, kurz, all diese schwärmerischen Badenden, die zum offenkundig einzigartigen Vergnügen der Kunstliebhaber und €stheten in den Wellen planschen! Aber eine Flüssigkeit kann eine andere ausschließen, und solange das Wasser süß ist, die Flut des Meeres und der Strom rein ist, sei ein Schuft, wer arges dabei denkt! Die "Pisserinnen" von Claude Fauville verlassen unverblümt das Reich der Allegorie und der erlaubten Ströme.
Jeder weiß, daß Pissoirs für Männer sind. Das männliche Glied richtet sich auf den möglichen Anblick ein, verdeutlicht durch die aufrechte Stellung, der ehrenwerten Herren, bereit mit edler Flugbahn den Harn abzulassen wie ein ballistischer Strahl. Geheimnis und Intimität haben nichts mit dieser Erleichterung zu tun. Es kann zum Spiel werden, zum Wettkampf, zur freundschaftlichen Herausforderung und der Mächtigste ist der, der es am höchsten, am weitesten, am kräftigsten kann. Wer kraftvoll mit einem schönen Urinbogen pisst, ist ein Mann, ein wahrer. Und diese freudvolle Unbefangenheit, Unterpfand der Gesundheit und der Charakterstärke, wird in Brüssel zum "Manneken pis", freundliches und vergnügtes Sinnbild einer Lebensart, in der Wohlleben und Geilheit gut zusammenpassen.
Die Frauen dagegen müssen ihr Höschen herablassen, sich hinhocken, in die Einsamkeit der Toiletten einschließen, sich hinter einem Gebüsch verstecken...urinieren in Unbequemlichkeit und Unsicherheit. Alles stört und bringt Scham und Verwirrung. Diese Wasser kommen aus dem Schmutz und dem Verborgenen. Sie fließen für niemanden, und wenn ein vertrauter Verliebter sie verlangt, rührt diese Bitte an Entartung oder gar Verkommenheit. Eine verborgene Lust, die im Schatten einer nicht ausgedrückten verliebten Geste bleibt. Sie ist ohne Bild und ohne Bericht. Sagt man...
Ein Tropfen und eine Vorliebe
Alles begann eines Tages, als ein Tupfen Licht "dort" hinfiel. Der Blick des Fotografen hatte ihn schnell in ein flüssiges Element verwandelt, um davon zu träumen. Warum nicht von dieser Verwirrung und dieser trügerischen Verwandlung sprechen, da doch schöne Freundinnen in sein Atelier kamen, um Modell zu spielen, nackt zu posieren. Eine Anspielung, eine Unterhaltung, eine Zustimmung. Und..und...ein strahlender Blick, kraftvoll wie das Motiv. Ablegen der Konventionen, die diejenigen in das "Pissoir" eintreten lassen, die das Spiel spielen. Und dort zeigt sich Ungesehenes, das Claude Fauville einfing: Ein Verlangen nach Grenzüberschreitung, die Mitteilung einer obskuren Pausenhof-Lust, der Wunsch, "das" aus der Verborgenheit ans Licht zu bringen, die Großmut, dieses heiße Glück darzubieten, diese wässrige, so günstig gelegene Liebkosung. Alles ist möglich und sicherlich ist es auch eine noch dunkle Herausforderung, diese sich selbst genügende Stelle sehen zu lassen, im Selbstgefühl einer Erleichterung, eines Feuchtwerdens, wo der andere der Fremde ist.
Das Mittel ist einfach. Ein mit vielen professionellen Gegenständen überfülltes Fotografen-Atelier. Im nahen Hintergrund, weil man nicht weit zurückweichen kann, eine bescheidene Bühne, eine mit Linoleum belegte Stufe und ein dunkler Stoff wie ein Tuch eines negativen Dekors, das Licht verschluckt. Ein Sofa - oder nicht - und zwei aus Holz einfach gedrechselte Sockel. Keine Requisiten sind sichtbar, weil die Inszenierung, die uns Claude Fauville zeigt, nichts Nebensächliches hat. Sie konzentriert sich völlig darauf, wo es geschieht. Es gibt weder eine Theatralisierung des Urins, noch den Wunsch zu posieren oder ein "lebendes Bild" darzustellen. Es gibt weder "das Hübsche", noch eine Handlung, einfach nur ein Geschlecht und einen Fluss. Daher rührt die - akzeptierte oder abgelehnte - Rücksichtslosigkeit dessen, was er zeigt. Er gibt den Ausflüchten der Konvention keine Ausrede und keinen Fluchtpunkt, an dem derjenige, der sehen will, ohne gesehen zu haben, einen Halt findet.
Der Rahmen und das Licht
Die Arbeit von Claude Fauville ist die Formgebung dieses Uneingestandenen, des Urins der Frauen. Das ist der Ort, an dem sich alles abspielt, diese Begegnung des Wesentlichen und der Gestaltung, diese geradlinige Konzentrierung des Blicks, der die Schonungslosigkeit der Geste auf sich nimmt. In dieser sexuellen Darstellung, die Wert darauf legt, den pornographischen Blick auszuschließen, kann man an Mappelthorpe denken, das heißt, an die Art und Weise, das Objekt der Begierde so zu zeigen, daß der/ die Begehrte ebenso frei ist wie der/ die Begehrende. Diese Gleichheit schließt die Beziehung Subjekt/ Objekt aus, die Fessel geschäftsmäßiger Dienstleistung des bezahlenden Blicks auf ein bezahltes Geschlecht. Es handelt sich also um einen visuellen Dialog, um die Darstellung eines Einverständnisses, in dem es keinen †berlegenen gibt. Der Betrachter ist eingeladen, einen Raum der Begierde zu betreten, in dem er sich von Motiv zu Motiv seinen Phantasien hingibt, wo das, was man ihm zeigt, bereits aus einer Begierde herrührt. Pornographie ist ein leeres Bild. Claude Fauville macht Bilder, die voller Zustimmung seiner Modelle sind. Angefüllt von seinem ihm eigenen Blick. Der Betrachter ist kein Voyeur. Er muß am Tanz teilnehmen. Man hat einfach den Ball eröffnet.
Pissen ist für eine Frau nicht einfach. Auch für den Fotografen, der die Frau fotografiert, nicht. Wo den Rahmen setzen? Der Strahl kommt. Von da an ist Claude Fauville frei. Er ist frei im Bruchstückhaften. Dieses Bruchstückhafte der Handlung meistert er. "Es ist unabdingbar, wenn man nicht in das Repräsentative verfallen will", schreibt Bresson. Der Teil für das Ganze. Wo ist der zeigbare Teil? Claude Fauville setzt einen engen Rahmen. Sehr trocken angesichts der Feuchtigkeit.
Jede Fotografie stellt eine Frage: Was ist ein Bild? Dabei spielt Claude Fauville mit dem Zulässigen und dem nicht Zulässigen. Was soll man darin sehen? Es gibt den eng vergrößernden Rahmen, wo aus dem Schaum des Geschlechts ein unbestimmter Fluss erscheint. Es gibt großartige Darstellungen eines Körpers in der Haltung einer klassischen Statue, als ob Apoll beginnen würde, seinen Samen zu verspritzen. Es gibt diese offenen Geschlechter, diese hängenden immensen Schamlippen, geöffnet in ihrer Begierde nach Wasser. Von diesen Körpern, von denen man nur die Quelle sieht, sagt er nichts. Das Nichts für das Ganze. Das Schweigen, das von der Fotografie spricht.
Manchmal arbeitet er wie ein Filmemacher und jede Fotografie ist ein Standbild, die Fortführung einer Einstellung, die den letzten Ort der Fiktion, des Harnens, immer näherbringt, bis die Geschichte anhält und der Betrachter eingeladen ist, die phantastische Erzählung selbst fortzuführen. Aber von Bild zu Bild, von Einstellung zu Einstellung bringt Claude Fauville uns dem Ort seiner Empfindung näher, dem Ort, an dem er gesehen und er empfangen hat.
Um bis zu dieser Beherrschung eines Bildes zu gelangen, der "einfachen" Arbeit, eine lebende Materie, das sprudelnde und lebendige Wasser, festzuhalten, braucht es eine ungeheure Aufmerksamkeit, die alle Fotografen kennen. Der einzige Augenblick unter vielen. Die magische Sekunde, die man im Labor einstellen, vergrößern, bearbeiten wird. Claude Fauville ist kein Dokumentarist des Urins. Er ist ein dichterischer Betrachter. Er bietet seinen Modellen den Augenblick, in dem sie sich in einer ungewöhnlichen und vor ihm nicht gezeigten Weiblichkeit gehenlassen können. Er öffnet uns die Darstellung eines verbotenen Wassers, das für ihn der Quelle entspringt.
Jacqueline Aubenas
